Vom proteischen zum erschöpften Selbst

Keynote am 26.09.2019

Zum Ende der Ersten Moderne gab es Trauergesänge angesichts des Endes des innengeleiteten Individuums, das einen klaren Lebensfahrplan verfolgt und eine stabile Identität entwickelt. Es war jetzt vom „minimal self“ die Rede, gemeint ist damit ein entkerntes und verunsichertes Subjekt, das einfach nur überleben will. Aus diesem diskursiven Jammertal boten die neoliberal getönten Narrationen einen freudigen Ausweg. Sie betonen die grenzenlose Plastizität der menschlichen Psyche und die Steuerungsverantwortung des Ego-Taktikers, der sich endgültig von allen institutionellen Sicherheitsgarantien verabschiedet hat und die Regie über seine Arbeitskraft vollkommen selbst übernommen hat, der „Arbeitskraftunternehmer“. Dieses neoliberal formatierte Subjekt macht sich auf den Weg zu einer „proteischen Karriere“ die Rede. Sie verspricht unbegrenzte Teilhabe an Erfolg, Macht und Profit. Aber es gibt zunehmend Hinweise und Belege, dass das proteische Subjekt einen hohen Preis zu zahlen hat. Oft genug aus der Angst heraus, nicht „dabei zu sein“, passt es sich in seinen Lebensformen der unaufhaltsamen Beschleunigungsdynamik an.

Aber der gesellschaftliche und berufliche Fitness-Parcours hat kein erreichbares Maß, ein Ziel, an dem man ankommen kann, sondern es ist eine nach oben offene Skala, jeder Rekord kann immer noch gesteigert werden. Hier ist trotz Wellness-Industrie keine Chance, eine Ökologie der eigenen Ressourcen zu betreiben, sondern in einem unaufhaltsamen Steigerungszirkel läuft alles auf Scheitern und einen Erschöpfungszustand zu. ES gibt also gute Gründe dieses proteische Menschenbild auf Prüfstand zu stellen.

Prof. Dr. Heiner Keupp - Studium der Psychologie und Soziologie in Frankfurt am Main, Erlangen und München. Diplom, Promotion und Habilitation in Psychologie, war von 1978 bis 2008 Professor für Sozial- und Gemeindepsychologie an der Universität München. Aktuell Gastprofessor an der Universität Bozen. Arbeitsinteressen beziehen sich auf soziale Netzwerke, gemeindenahe Versorgung, Gesundheitsförderung, Jugendforschung, individuelle und kollektive Identitäten in der Reflexiven Moderne und Bürgerschaftliches Engagement.

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Elena Linden